Geschichte: Die erste Dekade
„Das Private ist politisch“
Dieser Leitgedanke erfährt gerade im Handeln gegen häusliche Gewalt besondere Bedeutung. Ziel der Arbeit von BIG war und ist es, in der Gesellschaft das Bewusstsein zu erzeugen, dass Gewalt gegen Frauen keine Privatsache ist, sondern geltendes Recht verletzt. Der staatlich garantierte Schutz der Privatsphäre muss dort enden, wo es um Straftaten und um Verstöße gegen das Grundgesetz und gegen die allgemeinen Menschenrechte geht. Die Gesellschaft muss erkennen und bekennen, dass Gewalt gegen Frauen Unrecht ist. Daher gilt es, auf politischer Ebene wirksame Maßnahmen zur Gewaltbekämpfung zu entwickeln, die von staatlichen und nichtstaatlichen Institutionen in der Praxis angewendet werden. Daran arbeitet BIG seit 1995 – und konnte dabei aufbauen auf die Initiativen der deutschen und internationalen Frauenbewegung, die das Problem bereits Anfang der 70er Jahre aufgriffen und zum Thema machten. Vorbild und Modell für die Ziele und Wege, an denen sich BIG orientiert hat, war das Domestic Abuse Intervention Project (DAIP), das 1979 in Duluth/Minnesota, USA, gegründet wurde.
DAIP war mit seiner Arbeit und dem Prinzip des Zusammenwirkens von staatlichen und nichtstaatlichen Stellen enorm erfolgreich: 15 Jahre nach Gründung des Projekts gaben 80 Prozent der Frauen, die in Duluth die rechtlichen Möglichkeiten und Angebote von DAIP genutzt hatten, an, nicht mehr misshandelt worden zu sein.
Vorlaufphase: 10/1995 bis 10/1996
Politischen Willen bilden
Die Voraussetzung
BIG nimmt die Arbeit als Bundesmodellprojekt auf. Das Bundesfrauenministerium und die Berliner Senatsverwaltung für Frauen finanzieren das neue Vorhaben, das alle gesellschaftlichen Kräfte in die Bekämpfung häuslicher Gewalt einbeziehen will. Das heißt, die politischen Entscheidungsträger müssen für dieses Ziel gewonnen werden.
Die Ziele
Worum es BIG geht:
- Rahmenbedingungen schaffen, die den
- Schutz und die Unterstützung von Frauen und ihren Kindern gewährleisten;
- Rechte misshandelter Frauen stärken;
- Täter in die Verantwortung nehmen;
- koordiniertes Vorgehen aller beteiligten Einrichtungen initiieren und praktizieren;
- die Öffentlichkeit über männliche Gewalt gegen Frauen aufklären;
- Präventionsarbeit etablieren.
Die Prinzipien
- Kommunikation : Unter allen Beteiligten muss eine gemeinsame Wissens- und Gesprächsbasis hergestellt werden.
- Kooperation : Für alle Beteiligten ist eine geeignete Kooperationsform und -kultur zu entwickeln.
- Komplexität : Allen Beteiligten muss klar sein, wie komplex das Problem häusliche Gewalt ist und wie entsprechend komplex die Lösungsansätze sein müssen.
- Konzeptionierung : Alle Beteiligten müssen gemeinsam ein Arbeits- und Umsetzungskonzept für die Hauptphase erarbeiten.
- Konsens : Über das Konzept muss zwischen allen Beteiligten Einigung erzielt werden.
- „top down, bottom up“: „Von oben nach unten und von unten nach oben“ – für tiefgreifende Veränderungen ist die Entscheidungskompetenz auf hoher politischer Ebene ebenso unerlässlich wie das Expertenwissen der Basis. Am Runden Tisch, an dem die politischen Beschlüsse gefasst werden, treffen sich beide Ebenen.
Der Runde Tisch
In allen Berliner Verwaltungen, die mit häuslicher Gewalt befasst sind, wirbt das BIG-
Team mit Erfolg bei den zuständigen Senatorinnen und Senatoren dafür, je eine Expertin bzw. einen Experten für eine Zusammenarbeit zu entsenden. Darüber hinaus gelingt es, Vertreterinnen von Projekten und Einrichtungen aus allen relevanten Bereichen zu gewinnen. Ein erstes interdisziplinäres und institutionsübergreifendes Arbeitsgremium entsteht.
Das erste Arbeitsergebnis
Innerhalb des ersten Jahres erörtern die Vertreterinnen und Vertreter von Polizei, Zivil- und Strafjustiz, der Jugendhilfe, der Ausländerbeauftragten sowie der Kinderschutzeinrichtungen und Frauenprojekte die bisherige Lage. Sieben Schwerpunktbereiche werden als Arbeitsfelder bestimmt:
- Polizeiliche Intervention
- Strafrecht
- Zivilrecht
- Unterstützung von Frauen
- Migrantinnen
- Lern- und Trainingskurse für Täter
- Kinder und Jugendliche
Ergebnis der Arbeit ist eine gemeinsame Bestandsaufnahme und Schwachstellenanalyse der bisherigen Interventionsmaßnahmen und Hilfeangebote bei häuslicher Gewalt.
Alle Beteiligten einigen sich auf konkrete Zielvereinbarungen und Arbeitsaufträge. Am Ende des ersten Jahres beschließt der Runde Tisch gemeinsam mit den politischen Entscheidungsträgern ein umfassendes Aufgabenpaket. Neu gegründete Arbeitsgremien in den jeweiligen Schwerpunktbereichen sollen innerhalb der folgenden Modellphase aus den grob umrissenen Vorgaben im Detail Maßnahmen und Lösungsansätze entwickeln.
Überblicksgrafik Vorlaufphase
Modellphase: 10/1996 bis 10/1999
Kooperation organisieren
Kooperationspartner und -partnerinnen finden
Die Ziele sind benannt, die Aufgaben formuliert. Jetzt muss kontinuierliche Überzeugungsarbeit geleistet werden, um Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen in den Institutionen und deren Vorgesetzte für das Thema und die Beteiligung am Projekt zu gewinnen. Dazu müssen Vorurteile und Berührungsängste überwunden werden. Um dies zu erreichen, entwickeln die BIG-Mitarbeiterinnen Vorträge, Präsentationen und eine persönliche Ansprache, die selbst Skeptiker für das Thema öffnen. Erst dadurch können in einer Art Schneeball-Effekt viele engagierte Personen gefunden und in Arbeitsgremien eingebunden werden.
Voneinander lernen
Wie viele Aufgaben zu bewältigen sind, zeigt sich in aller Komplexität immer dann, wenn Einzelfragen bearbeitet werden. In den Arbeitsgremien ist es von entscheidender Bedeutung, dass alle Mitwirkenden aus ihren unterschiedlichen Blickwinkeln und mit ihren bereichsspezifischen Erfahrungen zu Wort kommen. Dadurch erhalten die Vertreterinnen aus den unterschiedlichen Bereichen in der
Zusammenarbeit Gelegenheit, die jeweils anderen Arbeitsfelder mit ihren Möglichkeiten und Grenzen kennen zu lernen und Hindernisse sowie Ansätze zu deren Beseitigung zu diskutieren.
Durch das besondere Klima der konstruktiven Zusammenarbeit und des Vertrauens, das sich nach anfänglichen Schwierigkeiten entwickelt, lassen sich die Beteiligten bei BIG auf einen offenen Dialog ein. Dank der Haltung der Mitwirkenden, die vom Willen nach Veränderung geprägt ist, können in der Phase der Konzeptionierung von konkreten Maßnahmen Ressortgrenzen überwunden und Wissen gebündelt werden.
Stabile Kooperationsstrukturen
In der Modellphase können deshalb stabile Kooperationsstrukturen zwischen allen am Projekt Beteiligten etabliert werden. Die in der Vorlaufphase festgelegten Arbeitsaufträge werden in Fachgruppen bearbeitet. Ca. 150 aktiv Mitwirkende arbeiten an den Vorschlägen für Gesetzesänderungen, innovativen Handlungskonzepten und neuen Projekten.
Zahlreiche modellhafte Materialien werden veröffentlicht und in vielen anderen Bundesländern als Vorlage genutzt.
So entstehen:
- der erste Gesetzesvorschlag für verbesserten zivilrechtlichen Schutz: Er gibt den Anstoß für die Entwicklung des Gewaltschutzgesetzes;
- der erste Leitfaden zur polizeilichen Intervention bei häuslicher Gewalt;
- eine erste Richtlinie zum Schutz gewaltbetroffener Migrantinnen ohne eigenständigen Aufenthaltsstatus;
- ein erstes landesweites Hilfetelefon, die BIG Hotline;
- ein erstes Video zur Situation von Kindern, die von häuslicher Gewalt mitbetroffen sind.
- ein Konzept für ein Täterprogramm und begleitende Informationsangebote für die (Ex-)Partnerinnen.
Das Modell BIG wird übernommen
Im gesamten Bundesgebiet werden zahlreiche Interventions- und Kooperationsprojekte sowie Runde Tische gegründet, die nach dem Vorbild von BIG arbeiten.
weitere Ergebnisse
Übersichtsgrafik Modellphase
Umsetzungsphase: 1/2000 bis 12/2002
Entwickeln, sichern, anpassen
Ab 2000 gilt es, das bisher Erreichte zu sichern und anzupassen. BIG begleitet und beobachtet, wie die Maßnahmen und Strategien in die Praxis umgesetzt werden, und korrigiert, wenn nötig. Es werden weitere Vorschläge entwickelt, wie die Hilfe und Unterstützung für gewaltbetroffene Frauen und ihre Kinder verbessert werden können – ein stetiger Prozess.
Bei der Bekämpfung häuslicher Gewalt werden Meilensteine gesetzt:
- Das Gewaltschutzgesetz tritt in Kraft.
- Die Änderung des Berliner Polizeigesetzes wird vorbereitet. Sie ermöglicht ab 2003 ausdrücklich die Wegweisung eines Täters aus der Wohnung.
- In jeder Polizeidirektion und in jedem polizeilichen Abschnitt werden „KoordinatorInnen und MultiplikatorInnen häusliche Gewalt“ als Ansprechpartnerinnen und -partner eingesetzt.
- BIG bietet neu entwickelte Fortbildungsveranstaltungen für verschiedene Berufsgruppen und Schulungen für Multiplikatorinnen und Multiplikatoren an.
- Der erste Leitfaden für Ärztinnen und Ärzte zum Umgang mit Patientinnen, die von häuslicher Gewalt betroffen sind, erscheint.
- Zahlreiche mehrsprachige Informationsbroschüren über die Rechte und Möglichkeiten von gewaltbetroffenen Frauen werden veröffentlicht.
Das Bundesmodellprojekt wird abgeschlossen.
Ergebnisse
Übersichtsgrafik Umsetzungsphase
Institutionalisierte Phase: seit 1/2003
Kontinuierlich verbessern
Seit Januar 2003 ist BIG als ständige Einrichtung etabliert und wird von der Senatsverwaltung für Wirtschaft, Arbeit und Frauen gefördert. Jetzt gilt es, beschlossene Maßnahmen umzusetzen und zu beobachten, ob es Hindernisse in der Praxis gibt, die in Handlungen einzelner Personen, im Verfahren oder in den Strukturen der jeweiligen Institution begründet sind. Diese Erkenntnisse und Ergebnisse dienen dazu, in Abstimmung mit den Kooperationspartnerinnen und -partnern einen kontinuierlichen Verbesserungsprozess zu initiieren.
Die Schwerpunkte der Arbeit konzentrieren sich jetzt auf:
- Monitoring (stetige Beobachtung der Praxis);
- Clearing (Problemanalyse/Problemklärung) und Konfliktvermittlung;
- Entwicklung von Lösungsvorschlägen, um die bestehenden Rahmenbedingungen kontinuierlich zu verbessern;
- Entwicklung weiterer Multiplikatorenschulungen und Fortbildungskonzepte für Berufsgruppen, die mit häuslicher Gewalt befasst sind, sowie deren Realisierung.
|