BIG Koordinierung | Bei häuslicher Gewalt. Hilfe für Frauen und ihre Kinder

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Pressemitteilung zum Internationalen Aktionstag gegen Gewalt gegen Frauen vom Netzwerk Frauengesundheit Berlin am 25 11.2006

Die Auswirkungen von Gewalt gegen Frauen auf die Schwangerschaft, die Geburt und die Zeit danach für Frauen und ihre Kinder sind nach wie vor tabuisiert

Das Netzwerk Frauengesundheit Berlin fordert eine stärke Sensibilisierung, Kooperation und Fortbildung im Gesundheitsversorgungsbereich, um Frauen und ihre Kinder besser schützen zu können

Jede vierte in Deutschland lebende Frau erfährt im Laufe ihres Lebens häusliche Gewalt durch einen aktuellen oder ehemaligen Lebenspartner. In der für Deutschland ersten repräsentativen Studie (N=10.264) zum Ausmaß von Gewalt gegen Frauen wurde eine Schwangerschaft von 10% und die Geburt des Kindes von 20% der betroffenen Frauen als lebenszeitliches Ereignis angegeben, bei dem Gewalt durch den Partner zum ersten Mal auftrat. Sexuelle Missbrauchserfahrungen machen ca. 20 bis 30% aller Frauen im Kindes- und Jugendalter.

Gewalterfahrungen führen zu akuten und langfristigen gesundheitlichen Folgen, die sich auch erheblich auf die Schwangerschaft und die Geburt als auch die Zeit danach auswirken können.

Für Frauen mit sexueller Missbrauchserfahrung können medizinische Untersuchungen, die Veränderungen in der Schwangerschaft, die Geburt selbst und die Stillzeit sehr belastend sein, da durch den erlebten Kontrollverlust Erinnerungen wach werden können, die Angst auslösen und sehr bedrohlich werden können. Ein Teil der Frauen erinnert sich wiederum nicht an die frühe Gewalterfahrung und kann die sie überwältigenden Gefühle und körperlichen Reaktionen nicht einordnen.

Schwangerschaft als Folge einer Vergewaltigung kann zu einer doppelten Traumatisierung führen: Zum einen bedeutet es die Verletzung des sexuellen Selbstbestimmungsrechts und der Integrität der Frau, zum anderen bedeutet eine daraus resultierende Schwangerschaft einen massiven Eingriff in den gesamten Lebensentwurf und die Lebensgestaltung der Frau.

Für die Frauen ist es sehr schwer, ihre Situation anzusprechen und sie erleben immer noch sehr häufig, dass sie nicht ernst genommen oder ihre Schilderungen abgewehrt werden. Dies kann ebenfalls zu Retraumatisierungen führen, die negative Auswirkungen auf die Schwangerschaft, die Geburt und die Entwicklung des Kindes haben können.

Häusliche Gewalt wirkt sich direkt und indirekt auf die schwangere Frau und ihr Kind aus. Eine direkte Folge sind Verletzungen, sie können zu Fehlgeburten bis hin zu tödlichen Konsequenzen für die Frau führen. Indirekt beeinflusst häusliche Gewalt das Gesundheits- und Vorsorgeverhalten der schwangeren Frauen.
Über vermehrte Komplikationen bei Schwangerschaft und Geburt berichteten in der bundesdeutschen Repräsentativbefragung ein Drittel der von sexueller bzw. häuslicher Gewalt betroffenen Frauen (Müller/Schröttle 2004: 153).

Betroffene Frauen kompensieren ihre Belastungen häufiger mit Drogen, Alkohol- und Zigarettenkonsum, was negative Auswirkungen zur Folge hat. Die Schwangerschaft wird problematischer erlebt und die Frauen fühlen sich zu Beginn der Mutterschaft oft verunsichert.
In der Literatur wird die Zeit nach der Geburt häufig mit postnatalen Depressionen, Steigerung von Gewalt und Kindesmisshandlung in Zusammenhang gebracht. Eine Assoziation zwischen Partnergewalt und Schwangerschaftsdepression sowie posttraumatischen Belastungsstörungen ist belegt.
Angesichts dieser Erkenntnisse sieht das Netzwerk Frauengesundheit Berlin dringenden Informations- und Handlungsbedarf im Gesundheitsversorgungsbereich.

Was ist zu tun?
Alle beteiligten Professionellen haben eine sehr hohe Verantwortung im Umgang mit Frauen, der sie nur durch eine entsprechende Sensibilisierung, Schulung und Kooperation gerecht werden können.
Schwangerschaft und Geburt sind Zeiten besonderer Veränderung. Es ist bekannt, das von Gewalt betroffene Frauen den Wunsch haben, das neugeborene Kind zu schützen und offen sind für Veränderungen. Während einer Schwangerschaft und Geburt besteht aufgrund des häufigen Kontakts mit Gesundheitsversorgungseinrichtungen die Möglichkeit, dass sich eine vertrauensvolle Beziehung zwischen Gesundheitsfachkräften und betroffenen Frauen entwickelt. Hebammen, Pflegekräfte, Ärzte und Ärztinnen verfügen daher über besondere Interventionsmöglichkeiten gegen Gewalt, die verstärkt genutzt werden sollten.

Um eine schwangere Frau kompetent zu begleiten und ihr sowie ihrem Kind Schutz und Unterstützung bieten zu können, ist Fachwissen über häusliche und sexualisierte Gewalt und ihren Einfluss auf Schwangerschaftsverläufe und Geburtsvorgänge erforderlich.
Die Gewaltthematik muss systematisch Eingang in Aus-, Fort- und Weiterbildung aller begleitenden Fachpersonen bei Schwangerschaft und Geburt finden. In den letzten Jahren wurden entsprechende Handlungsempfehlungen entwickelt. Sie sollten eine stärkere Beachtung erhalten und als neue Versorgungsstandards etabliert werden.

Eine stärkere Einbeziehung sozialer Dienste und gesundheitlicher Einrichtungen kann zu einer verbesserten Unterstützung für gewaltbetroffene Frauen führen. Der Umgang mit Frauen nach Gewalterfahrung erfordert neben Fachwissen und Einfühlungsvermögen ebenfalls ein hohes Maß an interdisziplinärem Austausch und einer Koordination der Fachpersonen im Betreuungs- und Behandlungsbereich.
Wir begrüßen die Förderung des BMFSFJ von Projekten zum Schutz von Kindern vor Gewalt. Wir brauchen aber eine breitere Sensibilisierung und Handlungskompetenz unter Fachpersonen, die eine Schwangerschaft und Geburt begleiten, um Gewalt gegen Frauen und Kinder besser begegnen zu können.

Postanschrift: Geschäftsstelle des Netzwerkes Frauengesundheit Berlin: z.H. Frau Labsch, VI C 31,
Senatsverwaltung für Wirtschaft, Arbeit und Frauen, Martin-Luther-Str.105, 10825 Berlin, Tel. 9013 8950